Darf ich vorstellen: Mein Bodyguard, die Angst

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Gefühle sind der Antrieb des Menschen. Einer jeden Handlung liegt ein Gefühl zugrunde. Freude lässt uns tanzen, Wut lässt zerstören und Angst lässt uns erstarren.
Den positiven Gefühlen widmen wir uns nur zu gerne: Verliebt sein, ist was Wunderschönes, da sind wir uns alle einig. Genauso wie wir uns alle gerne freuen, über bestandene Aufgaben oder Freizeitaktivitäten, denen wir nachgehen. Unangenehmen Gefühlen, wie Ärger oder Trauer schenken wir nur ungern Beachtung. Gelernt haben wir, dass sie nicht gut sind, dass sie unerwünscht sind. Zum Leben gehören sie allerdings dazu, denn ohne Positives und Negatives gäbe es keine Bewegung.

Schutzengel des Lebendigen

Vieles im Leben dreht sich um Angst: Angst vor Verlusten, Angst vor dem Versagen, Angst vor Krankheit. Wer hat eigentlich mal entschieden, dass Angst etwas Schlimmes ist, ein Gefühl, das wir nicht haben dürfen? Wer sagt, dass das Gefühl von Freude wertvoller ist, als das Gefühl von Angst? Das eine kann ohne das andere gar nicht bestehen. Ja, die Angst hat sogar einen Sinn. Dr. Jürgen Stepien, Psychoonkologe spricht von der Angst als eine der vier Grundgefühle des Menschen. „Neben Mut, Freude und Trauer ist die Angst eines der Grundgefühle des Menschen. Das Wechselspiel dieser Gefühle ist wichtig für das Überleben des Menschen.“ Anstatt die Angst einfach loswerden zu wollen, erscheint es sinnvoller, sie zunächst einmal zu akzeptieren. Das mag sich auf den ersten Blick paradox anhören, weil niemand gerne in der Angst badet. Eine akzeptierende Haltung zu entwickeln, führt allerdings zu einem Verständnis für dieses Gefühl. „Zuerst einmal hat die Angst einen Sinn, denn sie schützt Leben. Wenn Menschen keine Angst hätten, sondern nur Mut, denn wären sie oft in Lebensgefahr. Angst ist also unser persönlicher Bodyguard“, erklärt Stepien. Ein „Schutzengel des Lebendigen“ sei die Angst. Erst diejenigen, die Angst in ihr Leben lassen, erfahren tiefe existenzielle Nähe. Jeder kennt das: erst der drohende Verlust erlaubt uns, das zu schätzen, was wir haben. In Beziehungen ermöglicht Angst einen Qualitätsschub, weil sie dazu führt, dass sich ein Paar der kostbaren Augenblicke bewusst wird, die sie miteinander verbringen dürfen. Angst führt dazu, zu erkennen, dass es keine Selbstverständlichkeit ist, glücklich zu sein. Somit dient die Angst dazu, uns wieder dem Leben zuzuwenden.

Vor dem Ressourcenrucksack ängstigt sich sogar die Angst

Die Kunst im Umgang mit der Angst besteht nun allerdings darin, sie zwar wahrzunehmen, aber nicht zu stark ansteigen zu lassen, damit sie uns nicht lähmt. „Es ist wichtig handlungsfähig zu bleiben, aufzupassen, dass die Angst nicht zu stark wird, sodass sie dumm macht und unbewusste Anteile des Menschen die Führung übernehmen“, warnt Stepien. Deswegen ist es sinnvoll, die Angst zunächst einmal zu beobachten und herauszufinden, wie sie auch wieder beruhigt werden kann. Kinder, die Angst haben, wollen von ihren Eltern in den Arm genommen werden. Es geht weniger darum etwas zu tun, damit das unangenehme Gefühl weggeht, sondern vielmehr der Angst Ausdruck zu verleihen und Ressourcen in sich zu entdecken, mit ihr umzugehen. „Es kann schon ausreichen, wenn man einem vertrauten Menschen begegnet und dieser die Hand hält oder in den Arm nimmt“, rät Stepien. Hilfreich ist es zu wissen, dass die Angst, wie der Mut, die Freude und die Trauer immer nur ein Teil von uns sind. Wir sind nie komplett Angst und nie komplett Freude. Die Seele ist widersprüchlich und vielfältig. Deswegen liegt es auch an jedem Selbst, sich zu entscheiden, welchem Teil der Persönlichkeit er seine Aufmerksamkeit schenkt. „Vorstellen kann man sich das, wie einen Rucksack, den man trägt und darin sind verschiedene Ressourcen drin, mit der ich der Angst begegnen kann“, erklärt Stepien. Bewegung, Begegnung mit Menschen oder Aufenthalte in der Natur regulieren die Angst. Enge, die im Angstzustand im Körper empfunden wird, kann sich dann wieder weiten.

Ungebetene Gäste bitte draußen bleiben

Angeheizt wird die Angst von Unklarheit und Ungewissheit. In diesem Zustand springt der Verstandesmotor sofort an und lässt Karusselle im Kopf kreisen. Mit dem Denken ist es wie mit dem Atem, es kommt und geht. Der Mensch kann zwar im Gegensatz zu Tieren denken, er hat ein reflexives Bewusstsein und kann Konzepte erstellen. Aber er kann dieses Einteilen in Gut und Böse auch schwer abstellen, in solchen Momenten des Sich-Sorgen-Machens denkt er nicht mehr selbstständig, sondern er wird gedacht, von seinen eigenen Gedanken. Die Gedanken verselbstständigen sich und der Verstand malt sich skurrile Szenarien aus, die weit von der Realität entfernt sind. „Mit den Gedanken ist es, wie mit Gästen, die ungebeten kommen. Ich kann mich entscheiden, ob ich sie hereinlasse oder nicht“, sagt Stepien. Das menschliche Bewusstsein kann sich also entscheiden, mit welchen Gedanken es sich beschäftigen möchte und mit welchen eher nicht. Um mit der Angst Freundschaft zu schließen, ist es hilfreich nicht zu viel in der Gedankenwelt zu verweilen, also zu sehr bei Verstand zu sein. Sondern häufiger zur Besinnung zu kommen, d. h. sich sinnlich dem Augenblick zu öffnen. Nur über die Sinne, über das Fühlen, Riechen, Schmecken und Hören sind wir mit dem Augenblick, dem Hier und Jetzt verbunden. Raus aus dem Denken, rein ins Erleben. Hallo Angst, ich fühle Dich – und schon war sie weg!

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