„Ich bin hier die Chefin“

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Foto: Rowohlt Taschenbuchverlag
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Zivilisiert, hoch technisiert. Autos, die von alleine fahren, intelligente Stromnetze, Apps, die uns das Leben erleichtern, moderne Kommunikationsmittel, die es uns ermöglichen mit Menschen in Verbindung zu bleiben, die etliche Kilometer entfernt leben. Alles Errungenschaften der Zivilisation. So modern und hoch entwickelt unsere technischen Hilfsmittel sind, so zurückgeblieben scheint unser Verhalten in zwischenmenschlichen Beziehungen zu sein. In vielen Fällen verhalten wir uns leider immer noch, wie in der Steinzeit. 

Revier markieren

Wie wir unseren Platz markieren. Warum Frauen sich im Job abgrenzen sollten. Weshalb wir uns mit Nachbarn streiten. Alles Fragen, auf die ich schon immer eine Antwort gesucht habe. Walter Schmidt, Journalist und Kulturlandschaftsführer beantwortet sie in seinem Buch „Warum Männer nicht nebeneinander pinkeln wollen. Und andere Rätsel der räumlichen Psychologie“. Die im Titel aufgeworfene Frage interessiert mich übrigens auch brennend. Dazu später mehr. Der Reihe nach. Jeder kennt diese Phänomene aus dem Urlaub: überall mit Handtüchern reservierte Liegestühle, aber weit und breit kein Mensch in Sicht. Kein Wunder, es ist erst neun Uhr und alle sind beim Frühstück und haben schon mal vorsorglich um fünf Uhr die Liegen für den Tag reserviert. Besser hieße es eigentlich markiert. Denn um nichts anderes geht es dabei, nämlich darum das Revier zu markieren. Gut, dass ich das jetzt weiß.

Grenzen setzen

Frauen finden dieses Reviergehabe ganz schön lästig und lächerlich. Stimmt! Doch unterschätzen sollten sie es nicht. Häufiger mal eine klare Ansage à la „Ich bin hier die Chefin“, wirkt bei Männern wohl Wunder. Ansonsten tanzen sie einem anscheinend auf der Nase herum. „Eine Frau dürfe sich jedenfalls Grenzverletzungen und Respektlosigkeit nicht gefallen lassen, wenn sie Wert auf ihr Ansehen im Beruf oder im Unternehmen legt. Wenn der Mitarbeiter nicht anklopft und auf ihr ´Herein` wartet, sollte sie ihn gleich wieder herausschicken, und zwar so lange, bis er es kapiert. Dasselbe gilt, wenn er sich einfach hinsetzt“, schreibt Schmidt. Wieder was gelernt fürs Leben!

Groteske Streitereien

Vielleicht würde es auch helfen, Verständnis zu entwickeln und Vertrauen aufzubauen. Das soll zumindest helfen, um Streitereien mit Nachbarn zu vermeiden. Lärm, üble Gerüche und vieles mehr eignen sich, um sich mal wieder so richtig über den Nachbarn zu ärgern. Warum wir das tun? Weil wir es uns leisten können und auf den Nachbarn nicht mehr angewiesen sind, lautet Schmidts Erklärung. Zunehmender Wohlstand macht bequem: man muss also nicht mehr nett zum Nachbarn sein, nur weil man sich mal einen Hammer ausleihen möchte. Auf Außenstehende wirken die Streitereien oft albern, wenn es um „mein“ und „dein“ geht. Es erinnert stark an die Verteidigung des eigenen Reviers. Da ist er also wieder der Neandertaler in uns. Was hilft nun? Vertrauensbildende Maßnahmen, die noch vor dem ersten Konflikt einzuleiten seien. Also doch mal hin und wieder ein Ei beim Nachbarn ausleihen und den eigenen Hammer anbieten. Das schafft Vertrauen über Reviergrenzen hinaus. In solch einer Atmosphäre kommt der Nachbar der Bitte leiser zu sein bestimmt eher nach.

Schmunzeln garantiert

Warum wir vom rechten Weg abkommen. Wieso wir um Bettler einen Bogen machen. Wieso wir mit anderen bei Rot loslaufen. Warum der Raumwechsel vergesslich macht. Schmidt liefert spannende Einblicke und lüftet Rätsel rund um die räumliche Psychologie. Das Buch liest sich locker und regt oft zum Schmunzeln an. Lest selbst, warum Männer nicht gerne nebeneinander pinkeln wollen.

Walter Schmidt: Warum Männer nicht nebeneinander pinkeln wollen und andere Rätsel der räumlichen Psychologie, Rowohlt Taschenbuchverlag 2013, 256 Seiten, 8,99 €

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