Trinkwasser für Alle

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Steffen Z. Wolff für Viva con Agua
Viva con Agua-Mitbegründer Benjamin Adrion (rechts)
Foto: Steffen Z. Wolff für Viva con Agua

Weltweit haben laut Caritas mehr als 770 Millionen Menschen keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser. Ernanntes Ziel der Organisation „Viva con Agua“ ist es, dies zu ändern. Gegründet wurde sie 2005 vom Ex-Fußball-Profi Benjamin Adrion.

Benjamin, wie kommt ein Profi-Mittelfeld-Fußballspieler auf die Idee, ein Projekt wie „Viva con Agua“ ins Leben zu rufen?

Die Idee entstand bei einem Trainingslager mit dem FC St. Pauli auf Kuba, als wir die problematische Trinkwasserversorgung erlebten. Damals verband ich mit diesem Fußballverein ein ungeheures Potenzial in Sachen soziales Engagement und Solidarität. Da war die Idee: Leute, wir haben da so einen riesigen Überschuss, lasst uns das mal auf den Punkt bringen und gemeinsam etwas auslösen.

Und wie sah Euer erstes Projekt aus?

Gemeinsam mit der Welthungerhilfe haben wir erst einmal 153 Kindergärten mit Trinkwasserspendern ausgestattet. Dafür hatten wir das Ziel, 50.000 Euro in einem Jahr zu sammeln und zwar mit dem speziellen „Viva con Agua“-Ansatz.

Was heißt das?

Damit meinen wir das „offene Netzwerk“. Das bedeutet, dass jeder einfach mitmachen, sich einbringen kann. Hinzu kommt der „all profit“-Gedanke, das heißt, dass soziales Engagement nicht mit erhobenem Zeigefinger oder mit schlechtem Gewissen geschieht, sondern dass es durchaus Spaß machen kann und Freude bereiten soll. Dies alles ist mit „Coolness“ und „Lifestyle“ verbindbar, mit Sport, mit Musik. Motto: Raus aus dem Egoismus, aber nicht zwangsweise rein in die Selbstaufopferung. Wir suchen da einen Mittelweg.

Helfer sammeln auf Festivals gespendete Pfandbecher (Foto: Arne Stanelle)
Helfer sammeln auf Festivals gespendete Pfandbecher (Foto: Arne Stanelle)
Das heißt, dass Ihr nicht nur einfach mit der Spendendose herumlauft…

Ja, wir haben uns vom klassischen Fundraising von Anfang an distanziert. Also in der Fußgängerzone Unterschriften sammeln oder Briefe vor Weihnachten verschicken und so weiter. Mittlerweile kommt es langsam, dass wir hier und da ein wenig traditionelles Fundraising betreiben, das aber trotzdem auf unsere Art.

Wir sagen: Ey, bei uns geht es weniger um die Kohle, sondern dass sich die Leute mit ihren Ideen, ihrer Kreativität einbringen, ihren Energien für die Projekte einsetzen. Also nicht nur Spendenquittungen ausstellen, sondern selbst auf Festivals gehen und Pfandbecher für „Viva con Agua“ sammeln, selber eine „Zelle“, also eine Ortsgruppe gründen, einen Event organisieren, überlegen, wie man eigene Fähigkeiten einbringen kann, also eben „offenes Netzwerk“.

Das bringt auch Geld für die Projekte ein?
Weltweit 783 Millionen Menschen haben keinen Zugang zu Trinkwasser. „Viva con Agua“ will das ändern (Foto: Mário Macilau)
Weltweit 783 Millionen Menschen haben keinen Zugang zu Trinkwasser. „Viva con Agua“ will das ändern (Foto: Mário Macilau)

Ja, wir haben inzwischen schon 1,5 Millionen Euro gesammelt. Es wächst natürlich, das ist abgefahren. Die Dynamik der ursprünglich einmaligen Aktion in Kuba hat uns überrascht und wir wollten deshalb auch weitermachen. Inzwischen haben wir Organisationen unter anderem in Spanien, Österreich und der Schweiz gegründet. Die Energie, das Potenzial ist nach wie vor da, die Familie wächst immer noch weiter und hält zusammen, das ist ja auch immer wichtig bei Wachstum.

Wie sieht die Hilfe konkret aus, was macht Ihr mit dem Geld?

Das hängt vom jeweiligen Bedarf ab, selbst innerhalb eines Landes kann die Unterstützung völlig unterschiedlich aussehen. Zum Beispiel in Äthiopien, wo im Süden und Norden jeweils andere Projekte laufen. Wichtig ist die Einbindung der Menschen vor Ort, von der Auswahl über die Entwicklung, Durchführung und hinterher die Wartung. Das für uns ist das entscheidende Kriterium.

„Viva con Agua“ baut vor Ort Anlagen zur Trinkwasserversorgung auf (Foto: Patrick Temme, Vera Dammberg / Neven Subotic Stiftung)
„Viva con Agua“ baut vor Ort Anlagen zur Trinkwasserversorgung auf (Foto: Patrick Temme, Vera Dammberg / Neven Subotic Stiftung)

Das sieht dann beispielsweise so aus, dass Wasser auf Berge in Wasserkioske gepumpt und es dort zu Kleinstbeträgen verkauft wird. Die, die mitgearbeitet haben, zahlen weniger als die, die nicht mitgearbeitet haben. Das eingenommene Geld wird auf ein Konto gezahlt und vom lokalen Wasserkomitee verwaltet. Damit können etwa Reparaturen bezahlt werden. Wir bauen Tiefbohrbrunnen, legen Leitungen, stellen Handpumpen auf, versorgen Menschen mit sanitären Einrichtungen und so weiter.

Grundsätzlich führen wir die Projekte so durch, dass sie auch von den Menschen vor Ort aufrecht erhalten werden können. Dass das nachhaltig funktioniert, zeigt das Beispiel Äthiopien. Bei einem Projekt ist die Finanzierung längst ausgelaufen, dennoch laufen die Brunnen weiter. Und wenn einmal nicht, wissen die Menschen genau, was sie tun müssen. Das funktioniert! Es gibt aber auch Beispiele, etwa in Ruanda, da mussten wir Geld nachschießen, weil Geräte kaputt waren. Wir sind jetzt nach einigen Jahren dabei, die ersten Langzeiterfahrungen zu machen.

Welche Eindrücke habt Ihr vor Ort in den Regionen sammeln können?

Wir versuchen den Menschen erst einmal zu vermitteln, was wir eigentlich für Leute sind, was unsere „Viva con Agua“-Kultur ist. Wir machen mit ihnen Musik, spielen Fußball und übernachten auch mal zwei Tage in deren Hütte im Dorf oder trinken abends den selbstgebrannten Schnaps. Wir wollen damit zeigen, dass wir ein repräsentativer Ausschnitt der Gesellschaft sind, der nicht ausschließlich professionell an die Sache herangeht, sondern auch eine menschliche Komponente hat.

Wasser für Alle (Foto: Christoph Köstlin für Viva con Agua)
Wasser für Alle (Foto: Christoph Köstlin für Viva con Agua)

Wir versuchen, über die Jahre ein Verhältnis zu den Menschen aufzubauen. „Viva con Agua“ will Brücken schlagen, es ist ein Netzwerk, das keine Grenzen kennt. Unsere Vision ist irgendwann „Viva con Agua Äthiopien“ oder „Viva con Agua Uganda“. Wir finden es spannend, diese Idee international zu machen, vor Ort die „DNA“ des Projektes umzusetzen. Wir wollen uns vernetzen, wir schauen, wo gibt’s Künstler, wo können wir Festivals machen. Wir wollen keine „Entwicklungshilfeorganisation“ sein – „Schublade zu“- sondern „Viva con Agua“ ist da etwas anders gedacht und mal sehen, ob es uns gelingt, das den Leuten auch in Zukunft klarzumachen.

Welche Rolle spielt der Klimaschutz bei Euren Bemühungen?

Zunächst einmal sind wir auch keine Klimaschutzorganisation. Wir konzentrieren uns auf das Wasser. Trotzdem wissen wir, dass es Wechselwirkungen gibt, denn durch das Klima verschärft sich die Wasserkrise. Wenn etwa Landstriche vertrocknen, weil Regenzeiten ausbleiben, gibt es dann doch einen direkten Zusammenhang des Klimawandels mit dem Wasser. Wenn es in den trockenen Regionen eben heißer und trockener wird, verschlimmert sich die Versorgungslage mit Trinkwasser.

Durch Eure Arbeit schafft Ihr doch bei den Menschen vor Ort sicher auch ein stärkeres Bewusstsein für den Klimaschutz, oder?

Auf jeden Fall. Insgesamt versuchen wir mit unserer Arbeit auch klar zu machen: Leute, das hängt miteinander zusammen, ihr müsst überlegen, was ihr tut und welche Auswirkungen das Handeln hat.

„Viva con Agua“ wird von mehr als 10.000 Ehrenamtlichen unterstützt, darunter auch Prominente wie die Sänger Bosse, Bela B. von den „Ärzten“ und Clueso, die Bands „Fettes Brot“ und „Wir sind Helden“, Fernsehkoch „Tim Mälzer“ und die Fußball-Mannschaft von FC St. Pauli. In dem gleichnamigen Hamburger Stadtteil hat die Trinkwasserinitiative auch ihren Hauptsitz.

Darüber hinaus existieren bundesweit noch zehn so genannte „Zellen“, wie die Ortsgruppen genannt werden.

Um Spenden zu sammeln, organisiert „Viva con Agua“ Benefiz-Veranstaltungen, unter anderem das Festival „Wassertage“, Spendenläufe und Fußballspiele. Außerdem sammeln ehrenamtliche Helfer bei Veranstaltungen Pfandbecher ein. Außerdem vertreibt die Initiative eine eigene Wassermarke, mit deren Erlös Projekte gefördert werden.

In den vergangenen Jahren konnte „Viva con Agua“ nach eigenen Angaben mehr als 1,8 Millionen Menschen unterstützen.

Außerdem leistet die Organisation an Schulen und Universitäten Aufklärungsarbeit über die globale Trinkwasserproblematik.

Für sein Engagement wurde Benjamin Adrion 2009 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

www.vivaconagua.org.

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