Vom schönen Unverständnis auf Reisen

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Urlaub auf Mallorca

„Am Allerwichtigsten, für mich jedenfalls, jeder ist ja anders, in einem Land zu sein, wo man die Sprache nicht versteht, weil man ununterbrochen das Gefühl hat, die Leut´ sagen nur angenehme Dinge und reden eigentlich nur wichtige philosophische Sachen. Und wenn man bei uns die Sprache versteht, da hat man das Gefühl, dann glaubt man, sie reden nur lauter Schmarrn. Und so wird der Schmarrn in Spanien für mich philosophisch.“ Vor kurzem bin ich über dieses Zitat von Thomas Bernhard gestolpert und musste schmunzeln.

© Po Keung Cheung
© Po Keung Cheung

Als ich vor drei Jahren in Hong Kong war, hatte ich auch den Eindruck, die Leute um mich herum erzählten sich permanent nur „philosophischen Schmarrn“. Ich verstand drei Wochen lang kein Wort und das war schön. Wie richtiger Urlaub, für den Kopf halt. Ansonsten, wenn ich zuhause in Berlin mit der U-Bahn unterwegs bin, dringen regelmäßig Gespräche an mein Ohr, die ich gar nicht mitverfolgen möchte. Diesen Gesprächen kann ich mich aber gar nicht entziehen, einfach weil ich die Sprache verstehe. So rolle ich entnervt mit den Augen, wenn sich Paare in aller Öffentlichkeit streiten oder höre neugierig zu, wenn jemand von seinen aufregenden Erlebnissen am Wochenende erzählt.

Auf Mallorca beispielsweise ist es hingegen ganz anders als in Hong Kong: ein deutscher Supermarkt hier, ein deutscher Bäcker dort, eigentlich spricht auf dieser Insel jeder Deutsch. Im Urlaub fällt es mir sofort auf, wenn jemand meine Muttersprache spricht: leicht genervt schon wieder die eigenen Landsleute um mich herum  zu haben, gleichzeitig ist es dann doch ein ganz heimeliges Gefühl. Zwiespältig auf jeden Fall. Manchmal finde ich es einfach schön, fremd an einem Ort zu sein, mich fremd zu fühlen und nur Fremdes um mich herum zu haben. Neues aufzusaugen und zu entdecken.

Ich kann Thomas Berhard gut verstehen…

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  1. Ich fühle mich sehr verloren, wenn ich nicht mitreden kann. Wenn meine Sprache nicht ausreicht und ich nur stammeln kann oder meinen Ausdruck reduzieren muss, habe ich das Gefühl, ein Stück meiner Identität zu verlieren. Das ist dann das, was das Wort FREMD beschreibt.

    Seid ihr gerade auf Mallorca?

    • Claudia 2. Juli 2015

      Wir waren im Mai auf Mallorca :-)
      Ich finde es immer sehr spannend, kein Wort zu verstehen und stattdessen die Mimik und Gestik der Menschen zu beobachten und daraus zu erahnen, was sich die Menschen wohl erzählen
      :-)

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